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Muttertag in der Zeitschleife

Früher kannten wir das von unseren Omis: der gekränkte Blick, die zusammengepressten Lippen und das leise hörbare Brechen des Herzens.

Dann nämlich, wenn sie zum Muttertag („Hallo?! Das ist die OMI, nicht die MAMA!“) von der Enkelin zu spät / in schlechter Laune / mit neuem Freund / gar nicht besucht wurde. Die Omis damals arbeiteten alle nach der gleichen Methode: Schuldgefühle durch übertriebenes Gekränktsein herbeiführen. Wahre Spezialistinnen auf diesem Gebiet deuteten noch mit zittrigem Finger auf ihr Herz und erklärten mit glasigem Blick und brechender Stimme: „Da isses drin, da ganz tief drin!“

Einige traumatisierte, vorwiegend weibliche Enkerln sind heute aufopfernde Krankenschwestern und Ärztinnen: Sie kümmern sich vorbildlich, in manchen Fällen nahezu obsessiv, um andere. Oder sie haben studiert, um„ das da drin“ zu suchen und ENDLICH zu eliminieren.

In den meisten Fällen meines Freundeskreises sind die Omis mittlerweile tot und die Enkerln denken melancholisch an deren Manipulationsversuche zurück. Ein bisserl Nostalgie muss sein. Doch seit einiger Zeit wissen wir, dass die gar nicht nötig ist, weil: Die Mamas sind die neuen Omis! Vielleicht liegt das daran, dass manche nun einmal tatsächlich Omis geworden sind. Es ist aber auch bei den Mamas ohne Omatitel erkennbar: Ihre Augen tränen genauso, ihre Stimme und ihr Herz bricht ebenfalls.

Das ist nur schwer zu ertragen. Denn wenn die einstige 68er-Hippiebraut, die mit Riesensonnenbrille und mindestens einem Packerl Tschick am Tag ihre Selbstverwirklichung feierte, nun abhängig von EINEM Tag im Jahr ist, kennt kind sich nicht mehr aus. K.s Mutter zum Beispiel, die bis heute einen exzessiven Umgang mit Männern und eine solide Partnerschaft mit Marihuana pflegt, erwartet sich, dass K. sie genau am ersten Sonntag im Mai irgendwohin karrt und ihr ungeteilte Aufmerksamkeit zukommen lässt. Da wird plötzlich nicht mehr aufs Establishment gepfiffen. Wehe, wenn K. sich dem Muttertag entziehen will! Dann kommt das „Einmal im Jahr wirst du dir ja für deine Mutter Zeit nehmen können!“, gefolgt von der Links-Rechts-Kombination „Du hast nur eine Mutter“ – „Und wer weiß, wie lange ich noch lebe!“. Spätestens jetzt geht die Tochter k.o. Und sie ist nicht die einzige. Verbissen organisieren die Enddreißiger – männlich wie weiblich – aus meinem Bekanntenkreis zum Muttertag Heurigenbesuche in Perchtoldsdorf oder Grinzing und hören sich unter Aufbietung ihrer letzten Kräfte Sätze wie „Das wäre doch nicht nötig gewesen!“ an.

Zwei Erklärungen für diese seltsame Wandlung: 1. Unsere Mütter spielen eine Rolle, warum, weiß ich nicht. Vielleicht weil sie ihre toten Mütter vermissen und reflexhaft in deren Verhalten fallen, sobald jemand nur das Wörtchen „Muttertag“ ausspricht. Oder 2.: Das gehört immer zum Omi-Sein dazu. Warum sollten es unsere Kinder mit ihren Großmüttern besser haben als wir? Eben.

Übrigens: Ich habe den Zaubersatz gefunden! Ich weiß, wie man die Mamas aus ihrem Jammeromi-Sein herausholt. Erste Versuche zeigen vielversprechende Ergebnisse, vor allem, wenn sie – je nach Mutter – mit Champagner, einem Wachauer Federspiel oder einem Bellini unterlegt sind. Der Satz, eigentlich banal, lautet schlicht: „Du klingst schon genau wie die Omi!“