Piemont!


Das Piemont zu lieben, ist keine Alterserscheinung. Sondern ein Bekenntnis zu Lebensqualität und Freude.

Sprach pubertierende Tochter (Name der Autorin sehr gut bekannt) zu entnervter Mutter: „Warum muss ich mit euch Alten in das blöde Italien fahren, noch dazu ohne Meer und gar nix! Wo doch die Isi nach Ibiza fahren darf, ohne Eltern und mit Meer und allem!“ Entnervte Mutter schwieg, versetzte sich gedanklich an einen locus amoenus („Wo die Vogerln zwitschern und die Bienen summen“) und stopfte tags darauf selbige Tochter in das Auto, um mit ihr und dem Vater ins Piemont zu fahren. Die Tochter ließ sich auch durch noch so beschwichtigende Formeln wie „Du sollst ein bisschen Kultur kennen lernen!“ oder „Wenn du durchs Piemont fährst, hörst du Bachs großartigste Konzerte erklingen“ nicht von ihrer gelangweilt-beleidigten Stimmung abbringen. Eine Woche lang beneidete sie die Isi immer mehr: Während sie selbst nämlich von Weingut zu Weingut geschleift wurde (nein, nein, sie durfte höchstens am Wein schnuppern), die „großartige Landschaft“ verteufelte, in diversen Restaurants Trüffel „bewunderte“ und hinter den Eltern durch die „herrlichen“ Wälder stapfte, sonnte sich Isi ziemlich sicher am Strand und ging abends aus. Aber immerhin: Am letzten Abend dieses Urlaubs durfte sie ein „Glaserl“ trinken; es kam ihr sogar vor, dass die Eltern über das Ende dieser Reise ein wenig erfreut waren.

Heute pubertiert die Tochter nicht mehr, wird aber auch nicht mehr von den Eltern ins Piemont gezwungen. So unfair ist das Leben! Heute würde die Tochter nämlich nichts lieber tun als dort Weingüter besuchen, die Weine verkosten und genießen, die kulturellen Besonderheiten bewundern, Trüffel beschnuppern und in der großartigen Landschaft versinken, während Bachs Konzerte im inneren Ohr erklingen. Und kurz blitzt ein Gedanke durch der Tochter Kopf: Ist die Liebe zum Piemont etwa eine Alterserscheinung? Doch dann ist sich die Tochter sicher: Nein, es ist ein Ausdruck der  Lebensfreude und der Liebe zum Genuss. Und wenn sie auch einmal eine Tochter hat, so wird diese ebenfalls ins Piemont gezwungen – nach alter Familientradition.

- Nina Krantz -