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Mitte, Rechts und Mitte-Rechts

Das Leben ist so chaotisch. Gott sei Dank hat der Mensch Systematisierungen erfunden. Manchmal gehen diese aber zu weit. Das wurde mir klar, als ich letztens mit O. im Konzert war.

Der Platzanweiser demonstrierte nach einem Blick auf unsere Karten sein umfangreiches Wissen. „Zehnte Reihe, Mitte-Rechts, das ist hier durch auf der anderen Seite, Platz 4 und 5.“ Wir schlängelten uns durch, steuerten auf den Block an der gegenüberliegenden Wand zu; Reihe 10, da saßen schon zwei Damen auf den Plätzen 1 und 2. Wir kletterten über die beiden. „Haben wir jetzt 3 und 4 oder 4 und 5?“, fragte ich O., der die Karten niemals gesehen hatte. Also zog ich diese nach längerem Suchen aus den Untiefen meiner Tasche und wir ließen uns nieder.

Entspannt beobachteten wir die anderen Leute, die nach und nach ihre Plätze einnahmen. Wobei große Unruhe im Saal herrschte. Denn ständig scheuchte jemand andere Menschen auf, die ihrerseits wiederum mit den Karten in der Hand verwirrt herumirrten. Vor uns wollten zwei Herren Platz nehmen, aber da saß bereits eine Dame. Eine längere Diskussion entspann sich, die Karten wurden verglichen. Die Dame verlor: Sie gehörte auf Mitte-Rechts, nicht Rechts. Das hätte mich schon stutzig machen müssen. Stattdessen lachte ich abschätzig: „Die Frau ist nicht die hellste Birne im Leuchter!“ In diesem Moment fand eine weitere Dame den Weg in unsere Reihe und meinte: „Sie sitzen auf meinem Platz. Aber bleiben Sie ruhig, ist ja noch genug frei hier.“ Das könne nicht sein, protestierte ich, und fragte O.: „Wir haben Platz 4 und 5, oder?“ „Ich weiß es nicht, du hast die Karten“ Also zog ich wieder die verdammten zwei Karten aus der Tasche. 4 und 5. Sie aber hatte auch Platz 5. Rechts. Wir: Mitte-Rechts. Ein Blick auf den MITTLEREN Block – und wir ahnten: Dort müssen wir hin.

Leise fluchend stolperten wir in die Reihe 10 des mittleren Blocks. Dabei scheuchten wir einige ziemlich betagte Menschen auf, die sich gequält erhoben, einem zertrümmerte ich fast das Knie, weil er nur gebeugt stehen konnte. „Entschuldigung“, sagte ich, er hatte Tränen in den Augen – vor Rührung oder Schmerz, man weiß es nicht. Wir ließen uns auf 5 und 6 nieder, den einzigen freien Plätzen. Der Herr neben mir meinte gönnerhaft, dass ich ruhig sitzen bleiben könne, seine Freundin würde nicht kommen. Nach eingehender Kartenüberprüfung wandte sich O. an den Herren neben ihm: „Sie sitzen auf unserem Platz!“ Mittlerweile wurde unter Applaus der Dirigent begrüßt. Als sich die ersten Klänge erhoben, taten das auch alle vier Pensionisten neben O., um sich auf ihre richtigen Plätze auf „Rechts“ zu begeben, einer von ihnen humpelte. Mitte, Rechts und Mitte- Rechts – in diesem kleinen Konzertsaal! Wie sadistisch können Veranstalter eigentlich sein?

Langsam beruhigte ich mich und genoss das Orchester, das begleitet wurde von klappenden Stühlen und leisem Geflüster. Wir alle wussten: Nicht jeder hatte seinen Platz schon gefunden. Nach dem Konzert nahm mich ein wieder vollkommen entspannter O. in eine Weinbar mit. Wir setzen uns und ich suchte den Tisch panisch auf etwaige „Reserviert“- Schilder ab. Ich wäre nämlich um nichts auf der Welt noch einmal aufgestanden.