Magische Wein-Wirkung
Liebe Männer, ich muss hier mit einem Missverständnis aufräumen. Oft höre ich von Überläufern, dass es gang und gäbe sei, weibliche Gegenüber zwecks physischer Abendgestaltung dem Alkohol zuzuführen. Sprich abzufüllen. Die Verwunderung, warum das immer wieder klappt, ist groß. Hier die Auflösung: Auch Frauen müssen sich manchmal das Gegenüber „schönsaufen“!
M. geht nicht sonderlich gerne weg. Ab und zu tut sie es trotzdem, Optimistin, wie sie ist. Dann kommt sie in eine Bar, wo ihr augenblicklich das Gesicht einschläft. Fast nur Männer (das wäre ja noch nicht das Schlimmste), aber diese dafür zwischen schmierigen Angebern mit schlecht sitzendem Pseudo-Business-Anzug über Möchtegern-Künstler, die mit unterentwickelter Körperpflege eine Protest- (und Duft-) Marke setzen, bis hin zu den wenigstens authentischen „Scheiß-mich-an!“-Prolos. Da gibt es zwei Möglichkeiten: sofortige Flucht oder sofortiges Bestellen von Wein in rauen Mengen. Letzteres wird unabdingbar, sobald man, wie M., mit brunftigen und daher geschmacklich vernebelten Mittdreißiger-Freundinnen unterwegs ist. Und dann bemerkt M. eine interessante Entwicklung: Nach ein paar Gläschen verschwindet der Mundgeruch des geschniegelten Anlageberaters, die langweiligen Karrierepläne des egomanischen Projektleiters bekommen interessante Züge und es setzt plötzlich (grammatikalische wie inhaltliche) Toleranz ein, wenn man „Mit die Schuhe geht mir niemand in mein Home-Cinema“ hört.
Letztlich verändern sich auch körperliche Merkmale: Aus dem mit Kopfhaar nicht gerade gesegneten Bauleiter wird ein stattlicher Mann mit wallender Mähne, schiefe Zähne sind ein Beweis für elektrisierende Unangepasstheit und O-Beine sind ein Zeichen für überdurchschnittliche Männlichkeit. Aber niemand, den ich kenne, hat diese alkoholinduzierte Realitätsverweigerung so meisterhaft drauf wie M.: Diese macht nämlich aus nordischen Blonden glutäugige Südeuropäer. Wie das geht, weiß sie selbst nicht. Jedenfalls verwandelt sich die von ihr bevorzugte Männerart regelmäßig wieder in (vom Aussehen her) helle Typen zurück. Statt des quirligen Ricardos erwacht ein Hamburger Niels des Morgens neben ihr, der nicht nur namentlich an den Sänger erinnernde Eros ist, bei Lichte betrachtet, Olaf aus Göteborg. Ich hab ihr schon gesagt, dass sie endlich mit ihrem Unbewussten aufräumen soll. Und endlich eingestehen, dass sie einen anderen Männertyp hat. Oder gar keinen…




