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Ausgleichende Gerechtigkeit

„Guter Wein braucht keine Gelegenheit, heißt es. Tatsächlich habe ich aber ein paar gute Tropfen zu Hause, die mir immer zu schade waren. Jetzt weiß ich auch, warum.“

Schlechtes Karma“, murmelt R. immer, wenn etwas nicht so rennt, wie sie will. Das reicht von fehlenden Parkplätzen bis hin zu verlorenen und verschmissenen Dokumenten oder lästigen Ex-Freundinnen aktueller Liebhaber. Ich reagierte darauf immer mit Stirnrunzeln: Schlechtes Karma bedeutet, dass ich etwas wieder gutmachen muss. Etwas, das ich wahrscheinlich in einem vorigen Leben verbockt habe – und von dem ich heute nichts mehr weiß. Also das schien mir doch recht wenig plausibel.

Dachte ich jedenfalls. Bis ich letzten Freitag bei der Suche nach meiner Sonnenbrille diese zwar in meiner Tasche fand, dafür aber meine Geldbörse nicht. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches, da meine Handtaschen die Fähigkeit aufweisen ein Buch mit knapp 1000 Seiten wie „Ulysses“ (gebundene Ausgabe!) zu verschlucken, sodass man gefühlte zehn Minuten suchen muss. Also blieb ich ruhig, durchwühlte zunächst die eine, dann alle anderen Taschen. Ich suchte daneben, hinter dem Schuhschrank, auf meinem Nachtkästchen (eine Verzweiflungstat, was hätte sie da schon verloren?). Ich durchstöberte sämtliche Laden, halb resigniert meinen Kleiderschrank und vollständig meine Schmutzwäschekörbe. Als ich schließlich dabei war, den Sicherungskasten zu durchsuchen, musste ich einsehen: Die Geldbörse war weg. Da ich sie nicht verloren haben konnte, musste sie mir gestohlen worden sein.

Ich gebe zu, als ich mich auf den Weg zur Polizei machte, hatte die Einführung der Scharia auf mich noch einen gewissen Reiz – das Händeabhacken für Diebe erschien mir im Lichte meiner Situation zwingend logisch. Es ging mir weniger um das Geld, als um das Sperren und Fehlen meiner Bankomatkarte und Kreditkarte, die Beamtenwege (oh Graus!) zu Aushändigung eines Duplikates meines Führerscheins etc. Ich kochte innerlich.

Bei der Polizei selbst musste ich so lange warten, dass mein Zorn langsam verrauchte. Als ich den Polizisten fragte, ob das Ding jemals wieder auftauchen würde, verfiel mein Gegenüber in einen Lachkrampf, der ihm die Tränen in die Augen trieb, und erklärte mir keuchend: „0,00001 % Chance“. Da musste ich dann doch ein wenig schmunzeln. Meine Güte, ich Dummerchen, was hab ich mir von der Polizei erwartet, also echt? So eine blöde Frage aber auch! Es wurde eine recht amüsante Stunde, in der ich die polizeiliche Zweifingertechnik am Computer jetzt auch mal live erleben durfte. Das sieht man nicht alle Tage!

Nachdem ich wieder zu Hause war, hatte sich mein Hirn wieder eingeschaltet. Keine Scharia, dafür aber die Frage nach dem Warum. Da fiel mir F. ein – schlechtes Karma. Wie jetzt, ich? Ich, die ich fast pfadfinderhaft allen Alten, Kranken und Betrunkenen helfe? ICH bin letztendlich selber schuld, wenn ich bestohlen werde? Nein, beschloss ich, da mache ich nicht mit. Schnurstracks öffnete ich mir die einzige in meinem Besitz befindliche Flasche 89er Beaucastel. Allein! Genau die richtige Gelegenheit! Ich saß da mit dieser Kostbarkeit, während der Dieb meiner Geldbörse schlimme Sachen erleben würde. Irgendwas zwischen einer hartnäckigen Durchfallerkrankung und Fußpilz, fand ich, sei da schon der gerechte Ausgleich. Ich jedenfalls weiß jetzt, warum ich die ganz guten Flaschen aufhebe: Damit lässt sich dem Schicksal in puncto Karma-Ausgleich hervorragend unter die Arme greifen!

Wünsche, Anregungen, Beschwerden: nina.krantz@weinco.at