Ried Heiligenstein
Kamptal 1ÖTW Erste Lage
Vier Winzer, ein Berg – der Zöbinger Heiligenstein. Für Willi Bründlmayer, Johannes Hirsch, Alwin Jurtschitsch und Michael Moosbrugger, „Schlossherr“ zu Gobelsburg, bedeutet er ein Lagenparadies auf Erden.
Der Heiligenstein ist ein Ausläufer des Manhartsbergs in Zöbing im niederösterreichischen Kamptal und mit 360 Metern nicht sehr hoch. Und dennoch ist er ein Riese. Ein Riese in der Welt des Rieslings.
1ÖTW Ried Heiligenstein
Johannes Hirsch, der diesen Hügel von seinem Arbeitsplatz aus direkt im Blick hat und zudem eine uralte Steinhütte samt Schatten spendendem Weichselbaum im oberen Drittel sein Eigen – und seinen erklärten Lieblingsplatz – nennt, bemerkt zwar immer wieder, dass der an sich so wichtige und richtige Begriff Terroir oft missbräuchlich und allzu inflationär verwendet wird, doch im Fall des Heiligensteins kommt man einfach nicht um ihn herum. „Weil der Wein sein Terroir tatsächlich so unglaublich zeigt. Somit ist er der ideale Schluck für alle Lagentrinker, die die Sorte Riesling lieben. Ein Wein wie aus einem Guss, einer, der durch seine wirklich unglaubliche Lagerfähigkeit besticht und, worauf ich großen Wert lege, durch seine kristalline Struktur. Einfach ein Riesling durch und durch. Meinem Vater danke ich stets aufs Neue, dass er 1982 unsere ersten Terrassen hier gekauft hat. Terrassen, die ihre originale Struktur bis heute behalten haben. Und die Reben bekommen seit Anbeginn nur den feinsten Kompost von Robert Pagets Ziegen und Wasserbüffeln.“
Alwin Jurtschitsch und Willi Bründlmayer gehen tiefer. Freilich nicht im philosophischen, sondern im rein wörtlichen Sinn. „Die Besonderheit befindet sich nämlich unter der Erde, denn die geologischen Formationen sind einzigartig. Zöbinger Perm, bis zu 270 Millionen Jahre alt. Komprimierter Wüstensandstein mit vulkanischen Einschlüssen, wie es ihn österreichweit nur hier gibt. Vielleicht auch über die Grenzen hinaus nirgendwo sonst.“
„Nicht nur vielleicht, sondern in Europa vermutlich sicher“, wirft Michael Moosbrugger ein und erklärt die Geschichte des Namens. „Der lautete bis ins späte Mittelalter ‚Hellenstein‘ und wurde und wird auch heute noch fälschlicherweise als ‚Höllenstein‘ gedeutet. Eine Helle war allerdings in vorchristlichen Zeiten eine Geländekante mit scharf abfallendem Hang, die zu Jagdzwecken eingesetzt wurde. Man hat die Tiere quasi an diese Kante getrieben, um sie dann leichter erlegen zu können. Die Namensänderung erfolgte schließlich durch die ‚Steiner Allerheiligenstiftung‘, die ein Krankenhaus in Stein unterhielt, das dank der Trauben und des Weines finanziert werden konnte. Im Englischen übrigens wird der Heiligenstein mit ,Holy Stone‘ oftmals falsch übersetzt – richtig ist ‚Rock of the saints‘. Aber wie auch immer: Für mich ist und bleibt er der Hermitage des Donauraums – Legende und Ikone zugleich.“
Wobei es diese Legende und Ikone nicht immer leicht hatte. Nach einem halben Jahrhundert der Krisen und Weltkriege lag die geschichtsträchtige Lage über weite Strecken brach, dementsprechend steinig und lang war der Weg der Revitalisierung. Wobei es Willi Bründlmayer senior war, der die historischen Terrassen mit großer Leidenschaft wieder zum Leben erweckte. Er widmete sich dem Heiligen Berg, der nebstbei auch ein Naturschutzgebiet mit so seltener wie wertvoller Flora und Fauna ist, und vereinte gemeinsam mit Willi junior elf Hektar Terrassen im Zentrum dieser wunderbaren Riede. 50 bis 100 Jahre alte Reben bilden das Kernelement im Bründlmayer-Heiligenstein.
Von der Einzigartigkeit des Bodens war bereits die Rede, doch auch die klimatischen Bedingungen sind nicht alltäglich. Tagsüber steigt die warme Luft über die Lagen, die Einflüsse des pannonischen Klimas werden wirksam. Sobald jedoch die Sonne hinter dem Käferberg verschwindet, strömen die kühlen Luftmassen durch das schmale Tal und die Temperatur sinkt sehr rasch, wobei im Frühjahr und im Herbst Tag-Nacht-Unterschiede von bis zu 20 Grad Celsius keine Seltenheit sind. Das bringt untertags die Reife, während nachts die Säure konserviert wird.
„Diese Spannung schmeckt man“, sagt Alwin Jurtschitsch. „Es braucht aber auch Winzer, die den Heiligenstein verstehen und ihn richtig hegen und pflegen. Gerade in trockenen und heißen Jahren gilt es, die Reben stressfrei bis zur Ernte durchzubringen, wobei der Mensch, zumindest in meiner Welt, beim Terroir sowieso an oberster Stelle steht. Und gerade in einem Jahr wie dem 2017er stimmt für mich ein alter Winzerspruch aus Frankreich: Der Rebstock liebt die Sonne, aber noch viel mehr liebt er den Schatten seines Winzers.“
Was Jurtschitsch am Heiligenstein besonders am Herzen liegt, sind die alten, ursprünglichen und kleinterrassierten Steinterrassen-Weingärten. „Solche sammle ich, und so konnte ich über die letzten Jahre einige wunderschöne Parzellen rekultivieren. Es gibt leider nicht mehr sehr viele davon, aber ich versuche, die ursprüngliche Kulturlandschaft des Heiligensteins zu erhalten und zu gestalten. In der Zwischenzeit haben wir 1,5 Hektar traktorfreie Zone, da in den alten Terrassen die Zeilen noch so dicht gepflanzt sind, dass keine schweren Maschinen durchkommen. Also 100 Prozent Handarbeit. Alte Reben werden wieder aufgepäppelt, fehlende Stöcke da und dort durch Weingartenpfirsich- und Quittenbäume ersetzt.“
Alwin Jurtschitsch bewirtschaftet mehrere Parzellen am Heiligenstein. „Jede hat ihren eigenen Charakter – und doch tragen sie die gleiche Heiligenstein-Identität in sich. Ich habe im Zuge des innerfamiliären Generationenwechsels die ersten beiden Jahre fast nur im Weingarten verbracht, um alle kleinen Details und Unterschiede meiner Parzellen zu erforschen. Auf der Ostseite erlebte ich schließlich eine wirkliche Überraschung. Ich fragte mich, wie es sein kann, dass am Heiligenstein – dem trockensten und heißesten Platz im Kamptal – Schilf auf den Terrassen wächst und der Boden immer feucht ist. Auch in Trockenperioden. Ein Vorbesitzer erzählte mir schließlich, dass es einst eine Quelle gab, die im Zuge einer Weingartenneuerrichtung in den 1970ern zerstört wurde. Das Wasser fließt jedoch immer noch, und da Wasser bekanntlich das Elixier des Lebens ist, können die Reben auf diesem Platz auch in den trockensten Jahren Mineral- und Nährstoffe aufnehmen. Aus den Stöcken, die im Einflussbereich dieser Quelle liegen, wird nun ein eigener Wein gemacht – der Riesling Quelle, eine ganz besondere Interpretation des Heiligensteins. Außerdem sind wir gerade dabei, ein schönes Plätzchen zu gestalten, wo das Quellwasser wieder aus der Steinmauer tropfen wird.“
Bis dahin aber rinnt Riesling. Der Riesling vom Bründlmayer, vom Hirsch, vom Jurtschitsch und der aus dem Hause Schloss Gobelsburg. Vier Weingüter, vier Weltanschauungen, vier Interpretationen und doch eine Gemeinsamkeit: Sie alle lieben ihren Berg und holen das jeweils Beste aus ihm heraus.
Die Winzer am Heiligenstein
Bründlmayer
Über zwei Generationen hat die Familie Bründlmayer den Zöbinger Heiligenstein quasi wieder zum Leben erweckt. Ein Drittel aller Trauben des mystischen Berges wird von Willi Bründlmayer ökologisch bewirtschaftet und zu Kultweinen wie dem Riesling Heiligenstein „Lyra“ verarbeitet.
Hirsch
Als Ende der 1990er-Jahre der Rotweinboom einsetzte, rodete Johannes Hirsch seinen Bestand und pflanzte Riesling und Grünen Veltliner. 2002 setzte der Querdenker seinen wohl legendärsten Schritt: Schraubverschlüsse für das gesamte Sortiment!
Jurtschitsch
Alwin Jurtschitschs Ziel ist es, möglichst authentische, komplexe Weine mit kühl-eleganter Stilistik zu keltern und damit den erstklassigen Lagen maximalen Ausdruck zu verleihen. Dafür setzt er auf biologischen Weinbau und große Experimentierfreude.
Schloss Gobelsburg
Michael Moosbrugger, seit 1996 Leiter des Weingutes Schloss Gobelsburg, ist ein Freund der Tradition. Tradition heißen jährlich auch ein Riesling und ein Veltliner, die nach historischem Vorbild wie im frühen 19. Jahrhundert vinifiziert werden.
Eichinger
Beste Kamptaler Lagen und hochprämierte Weißweine – daran denkt man wenn man wohl als erstes, wenn man den Namen Birgit Eichinger hört. Das Weingut wurde 1992 aus einem Teil der elterlichen Weingärten neu gegründet und ist Mitglied der Österreichischen Traditionsweingüter.
Nähere Informationen
zu den Österreichischen Traditionsweingütern finden Sie unter