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Das Geschenk als Bedrohung

Das Geschenk als Bedrohung

Klingers spitze Zunge

Willi Klingers spitze Zunge grau breit

Über die (Un)Kultur des Schenkens

„Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul“, lautet ein altes Sprichwort. Es wirkt in unserer Zeit des Massenkonsums einigermaßen obsolet. Vorbei sind die Zeiten, da man sich über eine lieb verpackte Kleinigkeit freute. Wenn Menschen alles haben, was sie wirklich brauchen, und das ist für immer mehr Leute trotz der aktuellen Wirtschaftsdelle der Fall, gerät der Luxus in das Fadenkreuz ihrer Begehrlichkeiten. Die Wirtschaft erkennt solche Trends im Ansatz und gibt dem Affen Zucker. Wer zu viel Geld hat, findet heute endlose Möglichkeiten, es auf eine Weise loszuwerden, die alle möglichen Triebe befriedigt: den Spieltrieb, die Sammelleidenschaft, die Genusssucht, die Erotik und nicht zuletzt den Geltungsdrang. Wer eine oder gleich mehrere dieser Neigungen hat, war noch nie so vielen Versuchungen ausgesetzt. Erstens, weil es noch nie ein so großes Angebot an maßgeschneiderten Produkten gab, und zweitens, weil die Werbung dafür durch die heutigen Kommunikationsmittel auf einen einprasselt wie Dauerfeuer ohne Schützengraben.

Ein passendes Geschenk zu finden kann unter solchen Umständen leicht zum Problem werden, aber davon später. Zuerst muss ich ein Geständnis ablegen: Für mich ist das Schenken nämlich viel unkomplizierter als das Beschenktwerden. Es ist ja erstaunlich, was man nicht alles zum Geburtstag oder zu Weihnachten bekommt. Vom Christkind kann es nicht sein, denn das hätte keinen so schlechten Geschmack, wenn es denn existierte. Es würde schon allein aus Sorge um unsere Umwelt keinen in Glitzerpapier verpackten Schrott zustellen. Und auch kein Gefahrengut, gekennzeichnet durch die gut gemeinte Vorsilbe „selbst“: selbstgemacht, selbsteingekocht, selbstgebacken, selbstangesetzt, selbstgebrannt. Manche begründen solche Geschenkideen damit, dass man anspruchsvolle Feinschmecker: innen mit ihren Eigenbau-Raritäten, die man nirgends kaufen kann, besonders begeistert. Ein fataler Irrtum! Ich bekomme zum Beispiel immer mehr Marmeladen, aber die will ich bitte nur von der Mama, solange sie noch lebt. Chutneys – für die habe ich keine Verwendung, weil ich meine guten Rohmilchkäse prinzipiell pur esse. Sugos – wenn ich schon koche, möchte ich mir die auch selbst machen, und nicht überlegen, was in meinem Kühlschrank vergammelt. Liköre – weil ich höchstens einmal pro Jahr eine Chartreuse trinke. Schnäpse oder gar Geiste(r) – weil ich mich da an unsere Spitzenbrenner:innen halte und nicht an Hobbydestillate, von denen man halb blind wird. Und es geht weiter: selbstgemalt, selbstgebastelt, selbstgedichtet, selbstgespielt, selbstgesungen. Gut: Die diesbezüglichen Werke meiner Kinder bewahre ich auf, wie unsere schöne Papierkrippe, die wir jedes Jahr restaurieren, aber bitte schenkt mir keine Kunst aus Eigenproduktion. Meine Wände sind voll! Auch Bücher zu schenken ist heikel, es gibt wenige Menschen, die wissen, was ich lesen soll. Früher konnte man wenigstens an das Christkind schreiben und wenn alles klappte, lag unter dem Baum, was man sich wünschte. Aber weil man sich als Erwachsene:r ohnehin nur selten aussuchen kann, was man geschenkt bekommt, wollen wir uns mit der umgekehrten Frage beschäftigen, wie man beim Schenken ohne Gesichtsverlust davonkommt.

Erste Regel: Wer verhindern will, dass etwas, das man auf dem Geschenksweg loswerden will, nach einer Karriere als Wanderpokal – solche Sachen werden gerne durch Weiterschenken entsorgt – wie ein Bumerang wieder zu einem zurückkommt, der schenke wirklich gute Sachen zum Trinken, zum Beispiel Schäumendes. Dabei gilt: Je weniger sich die zu Beglückenden auskennen, desto bekannter sollte das Produkt sein: Dom Pérignon, Roederer Cristal oder Pol Roger Winston Churchill funktionieren hier todsicher. Und wenn die Ahnungslosen kurz googeln, was die Pulle wert ist, fühlen sie sich garantiert geschmeichelt. Leute, die Wert auf gutes Essen und feinen Wein legen, lieben es mitunter auch, Neues kennenzulernen, vorausgesetzt es ist gut. Hier ein paar Tipps, für die ich mich verbürge: Der 2002er Duval-Leroy „Femme de Champagne“ Brut Nature hat nicht nur 100 Falstaff Punkte bekommen, sondern ist auch der Lieblingschampagner im Landhaus Bacher in der Wachau. Heuer hat Lisl Wagner Bacher damit das Jubiläum „40 Jahre Gault & Millau Köchin des Jahres“ gefeiert und kürzlich obendrein ihren 70er. Für begrenzte Budgets wäre in vielen Fällen schon der einfache Duval-Leroy Brut die richtige Wahl. Für den Preis eines „Dömchens“ bekommen Sie davon drei Magnums, und ich wette, er schmeckt vielen mindestens genauso gut.

Große Rotweine sind immer eine Bank für besondere Anlässe. In die kann man auch für Kinder des jeweiligen Jahrgangs statt in Goldmünzen anlegen. Zum Beispiel wäre die Jubiläumscuvée „Centum“ anlässlich 100 Jahre Burgenland für alle, die Christian, Christoph, Christine oder etwa Claudia heißen eine plausible Idee. Oder der „G“ 2019 von Albert Gesellmann für Beschenkte mit „G“ wie zum Beispiel Gabriele, Gerhard, Günter, Gudrun oder Gusenbauer. Mir fällt da auch noch der Markowitsch „M“ für Maria & Co ein. Beim jetzt schon perfekt trinkreifen 2011er Castillo Ygay, einem der größten Riojas überhaupt, besteht allerdings die Gefahr, dass er es wegen der Begehrlichkeit der Eltern nicht bis zur Matura 2029 schafft.

Auch wenn ich mich oben über allerlei bunte Hochprozenter ausgelassen habe: Eine wirklich rare, klassische Spirituose ist als Geschenk nie verkehrt. Die edlen Brände aus Österreich ziehen bei mir zum Schluss jedes Essens die Aufmerksamkeit genauso auf sich wie ein guter Whisky oder Cognac. Und ich habe einen Rum, den man mit „h“ schreibt: Rhum agricole 2001 von J. M. aus Martinique, Single-Barrel- Abfüllung. Der hat viele Vorteile: Er ist der Romanée-Conti des Rums, man kann ihn öfter einsetzen und der kommt sicher nicht zurück, wenn man ihn verschenkt. Obwohl: In diesem Fall wäre das auch kein Beinbruch.

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von Willi Klinger