Der große Fluss des Trinkflusses
Loire
Autorin: Daniela Dejnega
Während die einen vom Chenin Blanc schwärmen, begeistert die anderen der Sauvignon, dazu überraschen die hochwertigen Rotweine und Crémant de Loire ist ohnehin in aller Munde. Kein Zweifel: Das Loiretal ist das vielfältigste und spannendste Weinbaugebiet Frankreichs.
Die Loire, der größte Fluss Frankreichs, entspringt im Zentralmassiv, in den Monts d’Ardèche südwestlich von Lyon, und fließt – ganz im Gegensatz zur Rhône – erst einmal nach Norden, bevor sie bei Orléans nach Westen abbiegt und sich auf den langen Weg zum Atlantik macht. Insbesondere im Unterlauf ist der gewaltige und recht ursprüngliche Fluss weitgehend unreguliert und mäandriert ausgedehnt in malerischer Landschaft. Bei einer Gesamtlänge von 1.000 Kilometern wird die Loire auf etwa 400 Kilometern von Weinbergen begleitet. Für Weinfans wird es knapp vor der erwähnten Flusskurve erstmals spannend, denn hier im Osten befinden sich mit Sancerre und Pouilly-Fumé bereits zwei der berühmtesten Appellationen.
Empfehlungen
Sauvignon Blanc: Sancerre
Der pittoreske Weinort Sancerre thront auf einer Hügelkuppe am linken Ufer der Oberen Loire. Auf etwa 3.000 Hektar wächst vor allem Sauvignon Blanc; vinifiziert wird er in einem sehr puristischen Stil, der Intensität und Finesse vereint. Der typische Sancerre Blanc zeichnet sich durch aromatische Fülle, Frische und Mineralität aus – wie die Klassiker der bekannten Domaine Henri Bourgeois: Der Sancerre ES-56 Sauvignon Blanc 2023 (früher „La Bourgeoise“) stammt von über 50-jährigen Rebstöcken, deren Untergrund von Feuerstein – Silex – aus dem Eozän geprägt ist. Das erklärt auch den Namen des Bilderbuch-Sancerres mit den terroirtypischen Feuersteinnoten: ES-56 steht für das Zeitalter Eozän, Silex und das Alter von 56 Millionen Jahren. Die in zehnter Generation familiengeführte Domaine Henri Bourgeois verfügt über 70 Hektar in besten Lagen an der Oberen Loire und stellt eine umfassende Palette an brillanten Sauvignon Blancs her. Auch der knackig-frische „Le Grand Bourgeois“ 2024 punktet mit Trinkfluss und animierender Stachelbeer- und Zitrusfrucht.
Chenin Blanc: Vouvray
Die Loire fließt weiter nach Westen, in die Touraine, und nur wenige Kilometer vor der Stadt Tours befindet sich am rechten Ufer die bekannte AOC Vouvray. Hier regiert Chenin Blanc, von dem die Winzer:innen sowohl geniale Schaumweine als auch faszinierende Stillweine keltern. Etwa 200 Kilometer vom Atlantik entfernt wird der maritime klimatische Einfluss bereits spürbar und die Böden prägt jener helle Tuffstein, aus dem auch die majestätischen Schlösser der Loire erbaut wurden. Vouvray der Spitzenklasse kommt von der biodynamisch geführten Domaine Huet, einem Kultweingut mit 35 Hektar Chenin Blanc in den Toplagen des Gebiets. Huets Chenin Blancs zeigen ungeheure Finesse und markante Mineralität. Die seit 1928 bewirtschaftete Einzellage Le Haut-Lieu ist die älteste der Domaine. Den aromatisch präzisen, kristallklaren „Le Haut-Lieu Sec“ 2023 zeichnen Charme, Frische und Lagerfähigkeit aus.
Im Einstiegssegment bringt hingegen François-Xavier Barc mit dem im Stahltank ausgebauten „Vent Minéral“ 2024 einen straffen, saftig-frischen Vouvray in die Flasche.
Cabernet Franc: Chinon und Saumur
Doch an der Loire gibt es nicht nur Weißwein, sondern auch jede Menge Rot. Die Nummer Eins ist Cabernet Franc, der hier große Eigenständigkeit annimmt. Sein Stil reicht von leicht und süffig bis hin zu strukturiert und tanninbetont; immer spürbar ist der erfreulich kühle Charakter. In der Touraine läuft Cabernet Franc vor allem in den Appellationen Bourgueil und Chinon zur Höchstform auf. Die Weingärten von Chinon liegen am linken Ufer der Loire, entlang des Nebenflusses Vienne. Von den höheren, vom kalkhaltigen Tuff geprägten Lagen kommen die kräftigeren, von den kiesig-sandigen Böden in Flussnähe die leichteren Roten. Paradebeispiel ist der beschwingte, lebendig am Gaumen spielende Chinon „Les Petites Roches“ 2020 von Charles Joguet. Von Chinon ist es nur ein Katzensprung nach Anjou-Saumur.
Saumur ist ein Schaumweinzentrum, besitzt aber auch Rotweintradition und steht für Cabernet Franc mit Eleganz und Reifepotenzial. Das Ausnahmeweingut Château de Fosse-Sèche, wo Benediktinermönche bereits vor 800 Jahren Reben kultivierten, arbeitet heute zertifiziert biodynamisch. Für das Engagement für Umwelt und Biodiversität wurde Fosse-Sèche bereits mehrmals ausgezeichnet. „Eolithe“ 2023 ist ein unwiderstehlich trinkanimierender Cabernet Franc mit elegantem Charakter und äußerst feinkörnigem Tannin.
Melon de Bourgogne: Muscadet
Im Nantais schließlich mündet die Loire in den Atlantik. Dies ist das Land des Muscadets, der nichts mit Muskateller zu tun hat, sondern von der alten burgundischen Rebsorte Melon de Bourgogne gekeltert wird. Sie wurde bereits im 16. Jahrhundert eingeführt und fühlt sich im atlantischen Klima am Unterlauf der Loire sehr wohl. Lange Zeit stand sie für neutrale, eher ausdrucksschwache Weine, weshalb sie bis heute gerne unterschätzt wird. Hochwertiges kommt vor allem aus der Sub-Appellation Muscadet Sèvre-et-Maine. Ein wahrer Klassiker ist der Muscadet Sèvre-et-Maine sur Lie La Griffe Bernard Chéreau 2024 von Domaine Chéreau Carré, der nicht nur als „Austernwein“ überzeugt. Frische, Finesse und Trinkfluss sind die gemeinsamen Merkmale der vielfältigen Weine der Loire.