Piemont im Rampenlicht
Barolo, Barbaresco & Co.
Autorin: Daniela Dejnega
Der Herbst hält langsam Einzug, die mystisch nebelverhangenen Hügel des Piemonts rücken gedanklich näher und die Lust auf Rotwein nimmt zu. Barolo, Barbaresco, Weißer Trüffel … und jede Menge Neuentdeckungen.
Die Haselnussernte ist eingebracht, die Weinlese beendet und schon steht in Alba die jährliche Trüffelmesse vor der Tür. Im Herbst dreht sich alles um Wein und Kulinarik – Hochsaison für den Genuss-Tourismus in Piemont.
Piemont auf einen Blick
Piemont, die bezaubernde Hügellandschaft im Nordwesten Italiens. In den Hügeln der Langhe, des Roero und des Monferrato schlägt das Weinherz des Piemont, welches der Fluss Tanaro wie eine Lebensader durchfließt. Auf seiner orografisch linken Seite befindet sich Roero, rechts vom Tanaro liegen die Langhe mit der Stadt Alba und den allen Weinfans bekannten Orten Barolo und Barbaresco. Das Monferrato dehnt sich hingegen im Osten aus, Zentrum ist die Stadt Asti.
Nebbiolo Superstar
Der Weltruhm des Piemont basiert auf Nebbiolo, einer spätreifenden und kleinbeerigen Rotweinsorte, die Weine mit mächtiger Tanninstruktur und ausgeprägtem Reifepotenzial hervorbringt. Ihr Name leitet sich von den typischen Herbstnebeln ab, die sich bereits in der Lesezeit wie morgendliche Schleier über die sanft gewellten, endlos scheinenden Weinberge legen. In den Langhe, rund um weltbekannte Weinorte wie Barolo, Barbaresco und La Morra, bringt Nebbiolo einige der begehrtesten Rotweine der Welt hervor.
Region Langhe
Orlando Rocca heißt der Jungstar, der in den Langhe aktuell die Fachwelt begeistert. Er ist der Neffe von Domenico Clerico, einem der berüchtigten „Barolo Boys“ der Achtziger- und Neunzigerjahre. Orlando und seine Schwester Cecilia, beide erst Anfang 20, werden das Weingut des früh verstorbenen Onkels wohl einmal übernehmen, sammeln aber derzeit mit eigenen Weinen Erfahrung. Orlando Roccas Langhe Nebbiolo 2024 besitzt saftige Frucht und Leichtfüßigkeit, ist aber im Kern tiefgründig und straff. Dieser elegante Nebbiolo weckt unvermeidlich die Neugier auf seinen großen Bruder, Roccas Barolo Bussia Sprun 2022.
Barolo
Die DOCG Barolo umfasst ingesamt elf Ortschaften südwestlich von Alba. Zählen wir sie auf: Barolo, La Morra, Serralunga, Castiglione Falletto, Novello, Monforte d’Alba, Cherasco, Verduno, Roddi, Grinzane Cavour und Diano d’Alba. Die Rebfläche ist in den vergangenen drei Jahrzehnten deutlich gewachsen und beträgt heute mehr als 2.100 Hektar. Ein Barolo reift mindestens 38 Monate am Weingut, davon 18 Monate im Holz. Ein klassischer Barolo beinhaltet eine granatrote Farbe, eine komplexe Aromatik mit einem Duft nach Veilchen, Rosen und Zwetschken sowie Noten von Lakritze, Herbstlaub und erdiger Würze am Gaumen, eine kraftvolle Tannin- und Säure-Struktur sowie eine gewisse Fülle. Barolo eignet sich nur bedingt für ungeduldige Weingenießer, denn er oft länger als ein Jahrzehnt bis die Gerbstoffe nachlassen und sich der Trinkfluss einstellt.
Barolo gilt ja als besonders langlebig und meist empfiehlt es sich, diese Weine einige Jahre in den Keller zu legen. Eine Ausnahme ist Carlo Revellos Barolo 2022, der sich schon jetzt relativ zugänglich präsentiert. Seine vielschichtige Nase reicht von Dörrzwetschken und floralen Noten über Waldboden und Herbstlaub bis hin zu Lakritze, sortentypisch präsent ist das Tannin, zugleich ist seine jugendliche Eleganz höchst verführerisch.
In einem zeitgemäßen Stil stellt auch das junge engagierte Team von Castello di Perno seine Weine her. Die 14 Hektar Weingärten rund um die mächtige mittelalterliche Burg von Monforte d’Alba sind biozertifiziert; der Ausbau der Weine erfolgt in österreichischen Stockinger-Fässern. Erst seit 2012 wird hier wieder Wein gemacht – in einem hellen, terroirgeprägten und leichtfüßigen Stil. Der nach Himbeeren und Veilchen duftende Barolo vom Topjahrgang 2021 begeistert durch seine Lebendigkeit.
Barbaresco
Den 2.100 Hektar Reben von Barolo stehen 760 Hektar in Barbaresco gegenüber. Barbaresco ist also deutlich kleiner, schon allein deshalb seltener und seine Weine gelten als weniger wuchtig. Nebbiolo erreicht hier einzigartige Eleganz und Finesse.
Der Barbaresco 2023 von Massari San Grato ist ein äußerst pointierter Barbaresco, dessen Aromen nach Waldbeeren, Granatapfel und dunkler Schokolade sich elegant mit dem packendem Tannin und der feinen Frische verbinden. Traumhaft passt dieser Wein zu Tajarin mit Weißem Trüffel, dem piemontesischen Pasta-Klassiker im Herbst.
Angenehm vollmundig ist der Barbaresco 2022 bei Socré ausgefallen. Marco Piacentino hat am Weingut seines Urgroßvaters für einen Qualitätssprung gesorgt. Von seinen 12 Hektar liegen fünf in besten Barbaresco-Lagen. Angesichts der exzellenten Qualität ist Socré ein Geheimtipp, der sich vom Trinkweinproduzenten zum Vorzeigeweingut wandelte.
Alta Langa
Und weil nach so viel Rotwein nur Schaumwein für nachhaltige Erfrischung am Gaumen sorgt, stellen wir zum Abschluss den feinperligen Alta Langa Albare’ von San Silvestro vor. Alta Langa ist eine DOCG für flaschenvergorene Schaumweine, die einen wahren Höhenflug hingelegt hat. Sie umfasst knapp 500 Hektar Reben – ausschließlich Chardonnay und Pinot Noir.
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Region Roero
Wer dem Trubel in Alba kurz entfliehen möchte, überquert einfach den Fluss Tanaro und landet im nordwestlichen Roero, wo es ein wenig beschaulicher zugeht. Roero wirkt deutlich wilder und ursprünglicher als die gegenüber liegenden Hügel der Langhe. Seinen Weinen wird eine gewisse Rustikalität nachgesagt, doch das stimmt längst nicht immer. Heute ist Roero ein Geheimtipp für erschwinglichen Nebbiolo von exzellenter Qualität.
Neu bei WEIN & CO sind deshalb die Weine der Cascina Val del Prete, einem kleinen Bioweingut in Priocca mit zehn Hektar, das von Mario Roagna und seinem Sohn Giovanni geführt wird. Die beiden vergären ihre Weine spontan und arbeiten minimal-invasiv im Keller. Ihr Roero Rosso namens Bricco Medica ist ein facettenreicher Nebbiolo mit anregender Würze, viel Frische und faszinierender Leichtfüßigkeit. Vom Jahrgang 2023 gibt es gerade mal 3.000 Flaschen. Roero pur! Aber auch Weißweinfans kommen in Roero voll auf ihre Kosten – dank der autochthonen Sorte Arneis, die lange ein wenig vernachlässigt wurde. Mit dem Roero Arneis „Luèt“, der Noten von Mandeln und Blüten mit Struktur und mineralischer Frische verbindet, zeigt Val del Prete vor, was in dieser Sorte steckt.
Region Monferrato
Barbera
Monferrato nördlich des Flusses Tanaro ist neben der Langhe das zweite große Weinbaugebiet des Piemont. Die DOC-Weine dieser Region, aus Barbera, Grignolino oder Dolcetto gekeltert. Tatsächlich ist nicht Nebbiolo die meistangebaute Sorte im Piemont, sondern Barbera, die etwa die Hälfte der Rebfläche einnimmt. Sie neigt zu reichen Erträgen und besitzt grundsätzlich wenig Tannin und eine sehr frische Säure. Die robuste Barbera funktioniert auch in weniger guten Lagen und wirkte über Jahrzehnte als Lieferantin schlichter Alltagsweine.
In der unterschätzten Region Monferrato hingegen wächst viel von der ertragreichen Barbera, einer sehr robusten Rotweinsorte, die schon immer auch in weniger guten Lagen funktionierte. Sie ist die meistangebaute Sorte des Piemonts und mehr als ein Garant für geradlinige Alltagsweine. Barbera auf höchstem Niveau vinifiziert die Tenuta Olim Bauda 2025 in Nizza Monferrato – eine Appellation, die als „der Grand Cru von Barbera d’Asti“ gilt. Die Geschwister Dino, Diana und Gianni Bertolino führen das modern ausgestattete Weingut gemeinsam und stehen für einen dunkelfruchtigen und saftigen Barbera-Stil. In der Einstiegsklasse erfreut der im Stahltank vinifizierte Barbera d’Asti „Era“ mit intensiver Frucht, Vollmundigkeit und Trinkfluss.
Die Gründung des Weinguts erfolgte in den Sechzigerjahren, als Agostino Bertolino die Villa Bauda erwarb. Heute ist sie mit einem topmodernen Keller ausgestattet und zur Tenuta Olim Bauda gehören 100 Hektar Land. Für Aufsehen sorgt seit einigen Jahren die neue Appellation Nizza DOCG – der „Grand Cru“ des Barbera d’Asti. Hier kommt zum Ausdruck, dass die sortenrein ausgebaute Barbera-Traube im Gebiet rund um die Stadt Nizza Monferrato ganz eigenständige Weine hervorbringt.
Dolcetto
Die dritte weit verbreitete Rebsorte im Piemont heißt Dolcetto. Wenngleich ihr Name (dolcetto – kleiner Süßer) es andeutet – mit Restsüße hat dieser trockene Rotwein nichts am Hut. Mit dem Dolcetto starten die Weingüter im Herbst in die Lese, denn seine Trauben sind früh reif, etwa vier Wochen vor Nebbiolo. Da ihr Säuregehalt grundsätzlich niedrig ist, wirken die Beeren sehr süß und werden vor Ort auch gern als Speisetrauben verzehrt. Tannin ist aber ordentlich vorhanden und verleiht dem Wein seine Struktur. Dolcetto ist rotfruchtig, intensiv und traubig, dazu gesellen sich florale Noten wie Veilchen. Auch Schwarzer Tee und eine Mandelnote werden dem Dolcetto nachgesagt.
Der charakterstarke Monferrato Rosso des Weinguts Tenuta Foresta besteht hingegen aus Dolcetto und Albarossa – eine faszinierende Sortenkombination, die Würze und Dörrobstnoten mit Pikanz und Struktur verbindet. Ein kleines Weingut zu führen, war der Traum von Olga Semenchas Vater, der tragischerweise nur zwei Jahre nach der Gründung von Tenuta Foresta verstarb. Olga aber setzt den Traum des Vaters fort und keltert gemeinsam mit ihrem Bruder auf handwerkliche, traditionelle Art wunderbar authentische Weine von vier Hektar in den Hügeln von Isola d’Asti.