Im Punkteregen
Hoch bewertete Weine
Autorin: Daniela Dejnega
Ihre Weinvorräte sind über die Feiertage deutlich geschrumpft? Der perfekte Zeitpunkt, um Keller oder Klimaschrank wieder aufzufüllen, ist jetzt. Doch wo beginnen? Selbst wenn persönliche Vorlieben bestimmte Rebsorten, Herkünfte oder Weinstile in den Fokus rücken, bleibt die Auswahl an Weinen riesig. Dazu möchte man auch immer wieder etwas Neues entdecken. Punktebewertungen von anerkannten Weinkritiker:innen bieten daher eine willkommene Orientierung. Insbesondere bei höherpreisigen Flaschen versichern sich Kaufwillige gern der Einschätzung von Expert:innen. Und obwohl eine kompetent verfasste Weinbeschreibung um ein Vielfaches informativer ist als eine simple Punktezahl, ist die einfach und schnell zu verstehende Bewertung nach Punkten am Markt nicht mehr wegzudenken.
Hochbewertete Empfehlungen
Warum Expertise zählt
Das auch für Laien leicht zu fällende Urteil „schmeckt“ oder „schmeckt nicht“ ist zwar essenziell, reicht aber für eine seriöse Weinbewertung nicht aus. Professionelle Weinkritiker:innen besitzen einen speziell geschulten Gaumen, verkosten jedes Jahr tausende Weine und haben die Fähigkeit, einen Wein sensorisch zu beurteilen – und zwar nach objektiven Qualitätskriterien. Natürlich bleibt dabei ein kleiner Rest von Subjektivität, denn zu 100 Prozent kann man persönliche Vorlieben nicht ausblenden und wirklich objektiv kann nur ein Labor einen Wein analysieren, indem es Parameter wie Zucker-, Säure- oder Extraktgehalt misst. Diese Werte sagen jedoch nicht viel über den tatsächlichen Geschmack eines Weines aus. Wie ein Wein sensorisch schmeckt, können nur die menschlichen Sinne beurteilen. So sind Komplexität, Intensität, Balance und Länge die wichtigsten Qualitätskriterien der Profi-Verkoster:innen. Komplexität meint die Vielfalt der Aromen in der Nase sowie am Gaumen und eine hohe Komplexität ist ein unverkennbares Merkmal von Spitzenweinen.
Der reinsortige Merlot Casalferro vom toskanischen Weingut Ricasoli spielt in diesem Sinn zwischen Zwetschken, Amarenakirschen, Brombeerblättern, Vanille, Tabak, Sternanis und Bitterschokolade. Vom US-Amerikaner James Suckling, einem der weltweit bekanntesten Weinkritiker, erhielt der Jahrgang 2020 ausgezeichnete 96 von 100 Punkten. Nach dem ursprünglich von Robert Parker eingeführten 100-Punkte-System bewerten mittlerweile fast alle relevanten Weinmagazine und Weinguides, die Interpretationen sind leicht unterschiedlich. Bei Suckling gilt ein Wein mit 90 oder mehr Punkten als „outstanding“ (herausragend), ab 95 Punkten gilt er als „must buy“, sollte demnach unbedingt gekauft und probiert werden. Bei weniger als 88 Punkten rät das Team von Suckling zur Vorsicht.
Traummaße: 95 – 19 – 97
Sowohl Suckling als auch das österreichische Gourmetmagazin Falstaff mit Weinchefredakteur Peter Moser zeichneten den Riesling Ried Gaisberg 2023 von Birgit Eichinger mit 95 Punkten aus. Der Kamptaler Riedenwein erfreut durch seine Intensität an sortentypischen Aromen, feinen Schmelz und eine wunderbar balancierte Säure.
Markus Hubers kraftvoller Grüner Veltliner Ried Zwirch 2024 schnitt sogar noch eine Spur besser ab. Der 96-Punkte-Wein macht viel Druck und hat Kraft, hält aber gekonnt die Balance – das wohl wichtigste aller Qualitätsmerkmale. Die Balance steht für das harmonische Zusammenspiel aller im Wein vertretenen Komponenten, also für das Spiel von Frucht, Körper und Extrakt mit Säure und Tannin. Ohne ausreichenden Säuregehalt schmeckt ein Wein plump und fad, ist ein Wein hingegen ausschließlich von Tannin und Säure geprägt, empfinden wir ihn als hart und sperrig.
Die richtige Balance aber sorgt für Genuss und jenen Trinkfluss, der Chiara Condellos Sangiovese Predappio 2022 im amerikanischen Magazin Wine Enthusiast 95 Punkte bescherte. Die Faszinationskraft dieses Sangiovese aus der Romagna beruht auf seiner eleganten Ausgewogenheit zwischen heller Beerenfrucht und dunklen Gewürznoten.
Eleganz und Balance sind auch für die Jury von Gault&Millau bei der Vergabe hoher Bewertungen wesentlich: 95 Punkte erhielt der Rote Veltliner Ried Mordthal 2023 von Josef Fritz; ein großartiger Wein, der den Wagram-Stil idealtypisch verkörpert. Gault&Millau Österreich stellte erst im vergangenen Jahr vom 20-Punkte- auf das 100-Punkte-System um, weshalb der im Jahr 2024 bewertete Pinot Noir Ried Holzspur 2021 von Reinisch mit 18.5 Punkten aufwartet. Seine Finesse, Komplexität, Spannung und Länge sind klare Merkmale von höchster Qualität. An diesem Wein hat auch das Magazin A la Carte, wo Willibald Balanjuk als langjähriger Chef-Verkoster wirkt, mit 97+ Punkten sehr wenig auszusetzen.
Die Länge eines Weines bezieht sich auf jene paar Sekunden nach dem Schlucken (oder Ausspucken), die noch alle Aromen im Mund nachwirken lassen. Bei einfachen Weinen dauert dies nur sehr kurz, Weine in Spitzenqualität bleiben hingegen zehn Sekunden oder länger am Gaumen haften. Wachter Wieslers direkt an der ungarischen Grenze gewachsener Blaufränkisch Ried Hummergraben 2022 besitzt solch einen langen Abgang; er glänzt durch Vielschichtigkeit, Tiefgang, Charakter, seidige Tannine, herrlichen Trinkfluss und 96+ Punkte von A la Carte. Einer der renommiertesten internationalen Weinkritiker ist Tim Atkin, ein britischer Weinjournalist und Master of Wine, der sich unter anderem intensiv mit den Weinen aus Südafrika beschäftigt. Mit 97 Punkten prämierte er den glanzvollen Chenin Blanc „The Mothership“ 2024 von Stellenrust ArtiSons. Bewertungen wie diese sollen uns die Entscheidung beim Weinkauf erleichtern.
Sehen Sie hohe Punkte als Anregung, um Neues zu probieren oder Bewährtes einzulagern, aber vergessen Sie nie: Das Wichtigste ist, dass der Wein Ihnen schmeckt!